20. März 2021

Lektüren – Hölderlin

(Lektüre für Jahre, Text wird fortgesetzt, das je aktuellste steht oben)

20.03.2021

Zu Hölderlins 251. Geburtstag
»Andenken« (dort unter dem Datum 20.3.2021)
Gelesen und frei eingeleitet von Roland Reuß

23.01.2021

Menninghaus in dieser u.g. Studie auch zu Andenken:

»In Andenken hat Hölderlin durch etliche über den Text verstreute adoneische Wortgruppen (wie »unter den Winden«, »langsamen Stegen«, »goldenen Träumen«, »duftenden Becher«, »fleißig die Augen«) seinen vielleicht bekanntesten Adoneus überhaupt vorbereitet, der zugleich Schluß der Strophe, Schluß des (pindarischen) Gedichts und gnomischer Haltepunkt der Komposition ist: »Was bleibet aber, stíften die Díchter.« Es bezeugt Hölderlins Meisterschaft der verleugnenden Form, daß der freirhythmische Vers »Was bleibet aber, stiften die Dichter« geradezu zum Gassenhauer werden konnte, ohne daß erkannt wurde, daß die zweite Vershälfte ein perfekter deutscher Adoneus ist. Das metrische Hypogramm gibt den großen pindarischen Gebilden ganz buchstäblich eine sapphisch-adoneische Unterschrift.«

S. 98f.



20.01.2021

zu
Wilfried Menninghaus, »Hälfte des Lebens. Versuch über Hölderlins Poetik«, Suhrkamp 2005
und
Ulrich Knoop, »Hälfte des Lebens«, in: »Friedrich Hölderlin, Neun Nachtgesänge. Interpretationen«, Edition Text 19, Wallstein 2020 

Seite 205

Ulrich Knoop interpretiert Hälfte des Lebens nahezu rein inhaltlich, einige Zitate:

»Es handelt von der Dichtkunst – und ihren Schwierigkeiten, also nicht von biographischen Problemen mit der Aussicht auf einen „Winter“ des Lebens. Ganz im Gegenteil: Der Winter ist offensichtlich die Jahreszeit des Dichtens.«

S. 218

»Die erste Strophe ist […] alles andere als idyllisch: wir erfahren schon in den Versen 4 bis 7, wie prekär die Lage des Dichters ist. […] Hälfte des Lebens stellt also dar, dass ein Dichter angesichts der Natur nicht so zu einer Verbindung mit ihr kommen kann, wie er das bei den Schwänen sehen kann, und dass er (deshalb) fürchtet, das Gedicht nicht verfassen zu können.«

S. 222, 223

»[…] was der Autor von Hälfte des Lebens zum Ausdruck bringen will: Er ist Dichter (am deutlichsten in den Versen „wo nehm’ ich“), er fürchtet, im Winter, die Blumen, den Sonnenschein und den Schatten der Erde nicht zu haben, so dass das ausbleiben muss, was sein Leben zu einem ganzen macht: sein dichterisches Leben.«

S. 225

Menninghaus will mit seiner zwischen 1994 und 2005 entstandenen Studie anhand Hälfte des Lebens zeigen, daß die antike Referenz von Hölderlins späten Gedichten (1800-05) nicht nur Pindar sondern auch Sappho (und Alkaios) ist. Dazu untersucht er »vorrangig die Dominante von Hölderlins Arbeit an der Sprache: Metrum und Rhythmus.« Menninghaus integriert in seine Analyse »mythologische Horizonte des Gedichts, Hölderlins Philosophie der ›Schönheit‹ und zentrale Aspekte seiner ›Theorie‹ der Dichtung, allen voran die Lehre von der konstitutiven Selbstverleugnung, als welche Hölderlin die Arbeit der dichterischen Form begreift.« (S.10) 
Auch hier einige Zitate:

»Die […] erfolgte Abkopplung von jeder inhaltlichen Pindar-Nachfolge und die Versetzung in den Raum eines extrem kurzen Gedichts sorgen dafür, daß die pindarischen Merkmale genau so kryptisch bleiben wie die sapphischen und die alkäischen. In rein formaler Hinsicht kann das Gedicht demnach mit gleichem Recht als ein pindarisierendes Kurzgedicht einerseits, als ein frei mit Fragmenten der sapphischen und der alkäischen Ode arbeitendes Gebilde andererseits gelesen werden.«

S. 74

»Indem Hälfte des Lebens durch die Responsion von adoneischem Titel und Schlußvers ein sapphisch konnotiertes Sprachmoment stärker markiert als wohl alle anderen späten Gedichte Hölderlins, bereitet es kraft der kompositorischen Durchdringung der sapphischen mit pindarischen und alkäischen Elementen eine durchaus generelle Einsicht in […] Hölderlins späte[r] Sprache vor. Hälfte des Lebens ist mithin keineswegs ein Kuriosum am Rande einer völlig andersartigen Produktion in pindarischer Großform. Vielmehr zielt Hölderlins dichterische Arbeit der negativen Form auch und gerade in seiner pindarischen Phase durchgängig darauf, Merkmale des Pindarischen und der lesbisch-äolischen Lyrik trotz aller Verschiedenheit […] in ein komplexes Wechselspiel zu integrieren.«

S. 99

»Indem Hälfte des Lebens die denkbar unheroischen Jünglingsfiguren Adonis und Narcissus nicht nur evoziert, sondern zum formalen Medium lyrischen Sprechens selbst macht, durchschlägt das sapphische Gedicht gerade die narzisstischer Befestigungen, die Hölderlin in so unvergleichlich kreativer Weise im Dichter-Heros Pindar finden konnte. In diesem Sinn ist vielleicht tatsächlich das kleine Gedicht ein exorbitanter Ort, an dem Hölderlin sich der inhärenten Problematik seiner großen pindarischen Gedichte stellt: nämlich gerade in dem Versuch überpersönlichen Sprechens – der Dichter als mythischer Heros und ›Mittler‹ – um so tiefer in ein kommunikatives Abseits und in immer größere Entfernung von lesbaren empirischen Weltbeziehungen zu geraten.«

S. 107

»[…] so kurzen Gedichts, das zugleich Natur- und Empfindungsgedicht, eine Reflexion der midlife crisis, eine Mischung sapphischer, alkäischer und pindarischer Verselemente, eine Neulektüre von Adoneus und Adonis, ein Remake von Ovids berühmter Episode über Schönheit, Spiegelung und Tod des Narcissus und Stellungnahme zur Poetik und Philosophie der Zeit ist.«

S. 109

Menninghaus zitiert Hölderlin übrigens nach der Stuttgarter Ausgabe sowie nach Sattlers Ausgabe »Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe«, 1979-1988 bei Luchterhand; er ignoriert die Frankfurter Hölderlin Ausgabe.

15.12.2020

Der arme Hölderlin, in: Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht. Gesprächsraum Romantik

Im Sommer hatte ich beim Aufräumen den Prosa-/Essay-Band »Gesprächsraum Romantik« von C. und G. Wolf, 1985 im Aufbau-Verlag erschienen, im Regal gefunden. (Es gibt eine 2008 im Insel-Verlag erschienene Ausgabe.) Darin wiederum dann das von Gerhard Wolf 1968 geschriebene, 1972 erstmals gedruckte, und nun von mir 2020 gelesene Prosastück »Der arme Hölderlin«. Dies ist eine an biographischen Ereignissen der Jahre 1799 bis 1806 orientierte Text-Montage mit integrierten Werk-Versatzstücken, eine poetische Chronik. Relativ viel Raum nehmen einige Figuren aus seinem Freundeskreis ein. (Sinclair verwundert mich dabei nicht, eher schon z. B. Böhlendorff.)

Der Text hätte eine Wiederveröffentlichung in diesem Jubeljahr verdient gehabt.

01.12.2020 (Rückschau)

R. Reuß, »…/ Die eigene Rede des andern«  Hölderlins Andenken und Mnemosyne

Roland Reuß, »…/ Die eigene Rede des andern«  Hölderlins Andenken und Mnemosyne
Das Buch hatte ich zunächst als Bibliotheksexemplar, inzwischen habe ich ein jüngst antiquarisch erworbenes Exemplar verfügbar (nach 30 Jahren immer noch in allerbester Qualität, 1A-Fadenbindung und -Leimung, 750 Seiten, 1kg).
Interessant, wichtig auch einige „allgemeine“ Ausführungen Reuß’, z. B. zur Bedeutung der Versgrenze. Hat man dies verstanden, so kann man sich von den allermeisten im Internet kursierenden Rezitationen (z. B. leider auch die der Herren Zischler und Gumbrecht auf dem YouTube-Kanal des DLA Marbach) nur schamvoll abwenden. Nicht so beim großen Bruno Ganz! Es gibt eine CD von 1984 (ECM New Series 1285), er liest hervorragend wie immer – und mit Respekt vor der Bedeutung von Versgrenzen und Strophenfugen. Apropos ‚und‘: Daß ein Vers mit ‚Und‘ beginnt, betont – dem ersten Anschein entgegen – die Kluft, die zwischen ihm und dem vorigen Vers liegt. Gerade indem die Konjunktion explizit verknüpft, wird sie zum Zeichen der Getrenntheit des Zu-Verknüpfenden. Jedes ‚Und‘, besonders aber eines im Material eines poetischen Textes, fügt nur insofern zusammen, als es zugleich auseinanderhält. […]
Alleine dieses Buch bietet fundierten Stoff für Jahre…

D.E. Sattler, Friedrich Hölderlin. 144 fliegende Briefe (noch ungelesen)

D.E. Sattler, Friedrich Hölderlin: „Wie Meeresküsten […]“, Vorlesung I/1 (zur Entzifferung der Seiten 68/69 im Homburger Folioheft), in: Text Kritische Beiträge, Heft 3, 1997

Arnfried Astel im Gespräch mit D.E. Sattler über die FHA, 24.09.1975, SR-Mitschnitt
D.E. Sattler liest Hölderlins Entwurf »Das Nächste Beste«, darin enthaltend »Der Winkel von Hahrdt« 

Gespräch über die Bd. 7 & 8 der FHA (Groddeck, Martens, Reuß, Staengele), in: Text Kritische Beiträge, Heft 8, 2003 – & Sattlers Repliken auf seiner Homepage

Dossier (III) Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, Dokumente 1975 (Hg. D.E. Sattler), in: Text Kritische Beiträge, Heft 3, 1997
Dossier (II) Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, Dokumente 1972-1974 (Hg. D.E. Sattler), in: Text Kritische Beiträge, Heft 2, 1996
Dossier (I) Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, Dokumente 1972-1974 (Hg. D.E. Sattler), in: Text Kritische Beiträge, Heft 1, 1995

Vortrag in Heidelberg von KD Wolff zur Verlagsgründung, der Geburt der FHA 1975, was der SDS damit zu tun hatte, zu den damaligen Streitereien mit der Hölderlin-Gesellschaft, zur von BK Kohl vermittelten Finanzhilfe usw. (Vortragsmitschnitt dort unter 16.10.2020)

Friedrich Hölderlin, »Neun Nachtgesänge. Interpretationen« (Edition Text 19; Hrg. Roland Reuß in Zusammenarbeit mit Marit Müller):
– 9, »Der Winkel von Hahrdt«
– 8, »Lebensalter«
– 6, »Ganymed«, hier insbesondere über die äußerst dichte 6. Strophe; interessant Fußnote 43 »Hölderlins eigene  Reflexion auf sprachliche Dichte hat ihre konzentrierteste Formulierung in dem Notat „Je mehr Äußerung, desto stiller / Je stiller, desto mehr Äußerung.“, siehe FHA 7, S. 129, Z. 26f.
– 7, »Hälfte des Lebens«

Parallellektüre: im Foto unten liegt die Faksimileedition des handschriftlichen Entwurfs der Heidelberg-Ode Hölderlins

Friedrich Hölderlin, »Heidelberg, Faksimileedition des handschriftlichen Entwurfs«, Hrg. Roland Reuß in Zusammenarbeit mit Marit Müller; zur Edition s. a.  Reuß‘ Vortrag in Ffm (22.9.) und die Ausstellung im Kurpfälzischen Museum Heidelberg;  s.a. die Edition in den Frankfurter und Homburger Entwurfsfaszikel (Faksimileedition in den Supplementen der FHA)

Hölderlin-Jahrbuch 1994/95, vergleichende Rezension der beiden dreibändigen Hölderlin-Ausgaben (Jochen Schmidt im Deutschen Klassiker Verlag, Michael Knaupp bei Hanser)

Über die verschiedenen Editionen, Textkonstitutionen, Streitereien,…; Hölderlin-Jahrbücher (der Hölderlin-Gesellschaft), Ausgabe 1975/77: Sattlers dort 1976 gehaltener Vortrag sowie mehrere kritische Beiträge zum ersten Beispielband der FHA und Sattlers Methodik)

In der Folge des Vortrages erneute Beschäftigung mit D. E. Sattlers FHA, Bände 7/8 (Die Gesänge). Die drei Kassetten mit Faksimiles aus der FHA bestellt. Nun erst Sattlers Homepage entdeckt. – Unendlich Material. 

Roland Reuß hielt am Sonntag einen Vortrag im Freien Deutschen Hochstift Frankfurt; im Zentrum stand die Problematik der Transkription der Handschriften Hölderlins. (»An Thills Grab«, »Die Wanderung«, »Ihr sicher gebaueten Alpen«, »Das nächste Beste«; »Heidelberg«). Da war so viel Leidenschaft und Expertise zu spüren!

Im Frankfurter Verlag Stroemfeld / Roter Stern ist im Laufe von 30 Jahren editorischer Arbeit unter D. E. Sattler die Historisch-Kritische Ausgabe Sämtlicher Werke »Frankfurter Ausgabe« (FHA) erschienen. Klostermann vertreibt nun, nach der Stroemfeld-Pleite den vorhandenen Bestand.  – Die einzeln erhältlichen Bände 7, 8 sowie 20 haben ihren Weg zu mir gefunden…

Tübingen, Hölderlin-Turm
Tübingen, 29.07.2020